Schwestern Verabschiedung

Geschichtsträchtige Verabschiedung

Von Christoph Kellermann.

OER-ERKENSCHWICK – Im westfälischen Oer-Erkenschwick passiert in diesen Tagen Geschichtsträchtiges. Mit den beiden Ordensschwestern Lucie und Gerlinde werden heuer die letzten beiden diensthabenden »Schwestern der göttlichen Vorsehung« von der Deutschen Provinz heimgeholt. Die beiden Schwestern können zusammen auf sage und schreibe 88 Dienstjahre verweisen und gelten in Oer-Erkenschwick als Institution.

Schwester Lucie
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Schwestern der göttlichen Vorsehung

Als »Schwestern der göttlichen Vorsehung« tragen die Beiden immer eine kleine Streichholzschachtel bei sich. Darin liegend zwei kleine Papierröllchen, worauf die Weisungen verfasst sind. „Die Urregeln wurden damals bewusst einfach gehalten und sollten in eine Streichholzschachtel passen“, weiß die in Gelsenkirchen-Buer geborene Schwester Lucie zu berichten. Zur Gründung des damaligen Schwesternhauses an der Kirchstraße im Jahre 1913 wurden damals die ersten vier Ordensschwestern nach Oer-Erkenschwick entsendet. „Die Not war seinerzeit sehr groß“, erinnert sich Schwester Gerlinde beim Blick in die fast 110-jährige Chronik des heutigen »junikum«. „Die Intention unseres Gründers Eduard Michelis haben wir bis zum heutigen Tag fortgeführt. Damals wie heute gilt: Nöte wahrnehmen, ihnen mutig und offen begegnen und jede an uns gestellte Aufgabe mit Gottvertrauen annehmen!“ Die Schwestern hatten hierbei eines immer ganz besonders im Fokus: die Originalität des Anderen wertzuschätzen und ihr barmherzig zu entgegen sowie klare Strukturen vorzugeben. „Am besten geht dies mittels einfacher Kommunikation – ohne zu bewerten“, betont Schwester Lucie, die Gott vertraut, wenn es um die Zukunft geht.

Schwester Lucie
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Familiär leicht vorbelastet

Sowohl Schwester Lucie, als auch Schwester Gerlinde sind familiär leicht vorbelastet, auch wenn sie die finale Entscheidung Ordensschwester werden zu wollen selbstverständlich selbst trafen. Beide kurioserweise im Alter von jeweils 21 Jahren. Schwester Lucie, im Krieg geboren, wollte ursprünglich Schneiderin werden. „Zur damaligen Zeit wurde mangels Geldes fast alles selbst gemacht. Das Handwerk der Schneiderin hat mich anfangs so sehr fasziniert, dass ich bereits mit 14 Jahren eine entsprechende Lehre machte.“ Nach einigen Jahren aber fühlte sie sich zu etwas anderem berufen. Mütterlicherseits existierten bereits Vorsehungsschwestern, die aber hatte Schwester Lucie nie kennenlernen dürfen.

Schwester Gerlinde
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Schwester Gerlinde, groß geworden auf einem Bauernhof in ihrem Geburtsort Warendorf, zieht Parallelen: „Meine Tante war Ordensschwester, mein Onkel Priester. Das hat mich schon in jungen Jahren unheimlich beeindruckt, ja es hat mir sogar regelrecht imponiert. Gleich in meinem ersten Jahr habe ich bei den Vorsehungsschwestern eine enorme Lebensfähigkeit gespürt.“

Die Wege waren also bei Beiden vorgezeichnet. Schwester Lucie: Klosterausbildung in Kevelaer, weiterführende Schule in Dortmund und schließlich als Heimerzieherin nach Oer-Erkenschwick. Schwester Gerlinde gelang als Novizin über das Internat in Mettingen, als Internatsschwester in Stadtlohn sowie über das Kinderheim Wesel und die Ausbildungsstationen in München und Xanten nach Oer-Erkenschwick. Insgesamt unglaubliche 88 Dienstjahre in der Pädagogik (Schwester Lucie) und Hauswirtschaft (Schwester Gerlinde) sollten dort für die beiden Schwestern in »OE« folgen.

Dem »Novum« zunächst skeptisch begegnet

„Als ein gewisser Thomas Kurth im Jahre 1995 die Leitung des Kinderheims St. Agnes übernahm, waren wir Schwestern zunächst einmal ein wenig skeptisch“, gibt Schwester Lucie heute zu. Wenig verwunderlich, stand doch mit dem Amtsantritt Kurths nach 87 Jahren erstmals keine Ordensschwester mehr in der Hauptverantwortung der Oer-Erkenschwicker Institution. Ein echtes Novum also. „Herr Kurth hat diese Aufgabe aber auf den Punkt genau mit viel Mut und ungeheurer Kompetenz, gepaart mit authentischer Leidenschaft und Empathie angepackt, so dass unsere gesunde Skepsis schnell verflog“, so Schwester Lucie, die für Kurth ins zweite Glied rückte. „Überhaupt gehört die weit über zwei Jahrzehnte währende Zusammenarbeit mit dem heutigen Geschäftsführer des »junikum« in unsere gedankliche Schatztruhe“, schwärmen beide scheidenden Ordensschwestern unisono. „Ohne Frage hat sich hier über die Jahre hinweg ein sehr vertrauensvolles, respektvolles und sogar freundschaftliches Verhältnis entwickelt“, sagt Schwester Gerlinde nicht ohne Stolz. Die Gesamtleitung des »junikum« bewerten die Schwestern als »überragend«.

Erfüllung erlangt

Ordensschwester zu sein ist für Lucie und Gerlinde kein Beruf. Mehr eine Berufung. Obwohl praktisch ohne großartige Erwartungen gestartet, erlangten sie schon sehr bald eine gewisse Erfüllung. Die Kinder versorgen und gut betreuen – selbst zurückzustehen. Die Kinder zur Selbständigkeit erziehen – gemeinsam mit ihnen den Alltag meistern. Hierzu gehörte natürlich auch das ständige Bestreben, ein möglichst perfektes soziales Umfeld zu schaffen sowie immer wieder kleine Wohlfühloasen zu bieten. „Die dreiwöchige Sommerfahrt mit den Kindern gehörte für mich persönlich immer zu den Highlights des Jahres“, erinnert sich Schwester Lucie. Geschichten von damals werden noch heute mit den Beteiligten gern geteilt. Schwester Gerlinde kann sich gut an die Feiern und Grillfeste erinnern: „Freude in den Alltag zu bringen. Das Geben und Nehmen lehren!“ Als größte Leistung der heutigen Geschäftsführung bewerten die Schwestern im Rückblick die Tatsache, dass das »junikum« trotz des immensen Wachstums immer auch ein Stück familiär geblieben ist.

Schwestern für die Zukunft gerüstet

Schwester Lucie weiß, dass sie gemeinsam mit Schwester Gerlinde in den vergangenen Jahren nicht nur viel gegeben, sondern auch viel zurückbekommen hat. „Die Arbeit mit den Kindern hat uns definitiv jung gehalten und uns eine gewisse geistige Fitness bewahrt!“ Kontakt zu »Ehemaligen« besteht weiter und auch der Kontakt zum »junikum« selbst soll auch nach dem Umzug der Beiden ins Provinzhaus nach Münster nicht abreißen. Um dies zu gewährleisten haben sich die Damen Smartphones zugelegt, Whatsapp inklusive. Bei aller Verliebtheit zur Tradition will man sich den heutigen technischen Möglichkeiten nicht verschließen. Natürlich werde man das »junikum« selbst, die Pfarrgemeinde sowie den Austausch zwischen Jung und Alt vermissen. Gleichwohl freue man sich auch auf die nun folgende nächste Etappe. Immerhin warten in Münster vier weitere Ordensschwestern bereits auf Lucie und Gerlinde. Schwestern, die sie dank ihrer eigenen Ausbildung bereits seit Jahrzehnten kennen. So sorgt die geschichtsträchtige Verabschiedung der beiden Ordensschwestern Lucie und Gerlinde dafür, dass sich ein weiterer Kreis schließt und die »junikum«-Chronik um ein Kapitel reicher wird.